Seit dem 4. Oktober driftet das Forschungsschiff Polarstern mit einer Eisscholle durch das Nordpolarmeer. Es wird das, wenn alles planmäßig verläuft, noch für rund elf weitere Monate tun. Denn bei der MOSAiC-Expedition wollen Wissenschaftler aus 17 Nationen die Zentralarktis im Jahresverlauf erforschen. Während der größten Arktis-Expedition aller Zeiten kommen sie in „Gebiete, die jenseits unserer Vorstellungskraft liegen, weil sie so gut wie niemand im Winter erreicht hat“, wie es Expeditionsleiter Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut in einem Interview formuliert hat.

In der Zentralarktis ist das Eis im Winter selbst für einen Eisbrecher zu dick, so dass der Weg über die Drift die einzige Möglichkeit ist, dorthin zu gelangen. Die Klimaprozesse dort sind ein Puzzleteil, das der Wissenschaft fehlt, um bessere Prognosen zum globalen Klimawandel zu erstellen. Zudem gilt die Arktis sozusagen als Epizentrum des Klimawandels, weil sich kaum eine Region in den vergangenen Jahren so stark wie sie erwärmt hat. Insgesamt 600 internationale Teilnehmer, davon die Hälfte Wissenschaftler, werden die Mission am Ende begleitet haben. Die Planung für MOSAiC (Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate) hatte bereits 2011 begonnen.

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© Martin Künsting/AWI

Die Suche nach der perfekten Eisscholle

Die Scholle hatten sich die Wissenschaftler auf der Polarstern und auf dem begleitenden russischen Schiff Akademik Fedorov auf der Fahrt vom norwegischen Hafen Tromsø in das Zielgebiet ausgesucht – durch Auswertung von Satellitendaten, Helikopterflügen und Erkundungsmissionen auf dem Eis. Bei diesen Erkundungsmissionen hatten die Wissenschaftler insbesondere die Eisdicke untersucht, etwa mittels elektromagnetischer Messgeräte, die auf Schlitten angebracht waren. Denn die Scholle muss stabil genug sein, um für ein ganzes Jahr darauf arbeiten zu können. Die ausgewählte Scholle ist etwa 2,5 mal 3,5 Kilometer groß und hat neben einem stabilen Gebiet auch Bereiche, die typisch sind für die Arktis der letzten Jahre – gekennzeichnet durch dünnes und zerbrechliches Eis.

Der Aufbau eines Netzwerks aus Messtationen

Direkt nach dem Anlegen an die gewählte Scholle am 4. Oktober hatte von dort aus die nächste Suche nach Eisschollen begonnen – geeignet für den Aufbau des sogenannten Distributed Network, ein komplexes System aus Bojen und Messeinheiten, das in bis zu 50 Kilometern Entfernung um das zentrale Observatorium Polarstern driftet. Bereits zehn Tage später, am 14. Oktober, hatten die MOSAiC Wissenschaftler gemeldet, das System erfolgreich installiert zu haben.

20 Tage später, am 3. November, hatten die Polarstern und „ihre“ Scholle gemeinsam 200 Kilometer driftend zurückgelegt. Mit der erfolgreichen Errichtung der letzten noch fehlenden Messstation, von der aus auch der Unterwasserroboter startet, waren nun alle Messinstrumente und das Camp auf der Scholle vollständig aufgebaut. Da herrschte bereits „ewige Dunkelheit“ auf der Scholle, die Polarnacht war hereingebrochen.

c Stefan Hendricks/AWI  MOSAiC-Wissenschaftler bei Aufräumarbeiten nach dem Sturm am 17. November
© Stefan Hendricks/AWI. MOSAiC-Wissenschaftler bei Aufräumarbeiten nach dem Sturm am 17. November

Starke Bewegungen in der Scholle

Derzeit – Stand 21. November –, nach 393 Kilometern gemeinsamer Drift von Scholle und Polarstern, berichten die Wissenschaftler in ihrem Online-Logbuch über stürmische Zeiten und eine große Dynamik in der Scholle: Risse sind entstanden und bestimmte Eisbereiche aufgebrochen. Die Tage zuvor hatte der Wind mit bis zu 20 Metern pro Sekunde geblasen. Die Eisbewegungen in der Scholle haben die Polarstern und drei der wissenschaftlichen Messstationen sogar voneinander getrennt.

Das Alfred-Wegener-Institut ermöglicht der Öffentlichkeit mit der MOSAiC-Web-App, den aktuellen Standort der Polarstern und die weiteren Ereignisse zu verfolgen. Für alle, die lieber einen akustischen Eindruck von der Expedition bekommen möchten, bietet sich der Podcast zur Expedition an. Schließlich gibt es noch den Polarstern-Blog, um gedanklich mitzureisen. In diesem Blog hat einer der Leser die Kommentarfunktion benutzt, um Crew und Forschern die „allergrößte Anerkennung und tiefen Respekt für ihren Einsatz und ihr Engagement“ auszusprechen. PolarNews kann sich da nur anschließen.