Die Nordwestpassage im hohen Norden Kanadas ist ein unglaublich spannendes Gebiet, nicht nur historisch gesehen. Auf der einen Seite zeigt sich hier die Vielfalt der Arktis in einer eindrucksvollen Weise; andererseits leben hier seit Jahrtausenden Menschen mit und von der Natur. Und um dies weiterhin gewährleisten zu können, haben sich nun die kanadische Regierung und Vertreter der Verwaltung von Nunavut auf die Eckpfeiler eines neuen, grossen Meeresschutzgebietes im Bereich des Lancaster Sounds geeinigt.

Der östliche Eingangsbereich der Nordwestpassage ist der Lancaster Sound, benannt nach James Lancaster, einem englischen Kapitän des 16. Jhd. Der Bereich ist rund 50 km breit und streckt sich von Baffin Island nach Devon Island. Bild: Michael Wenger
Der östliche Eingangsbereich der Nordwestpassage ist der Lancaster Sound, benannt nach James Lancaster, einem englischen Kapitän des 16. Jhd. Der Bereich ist rund 50 km breit und streckt sich von Baffin Island nach Devon Island. Bild: Michael Wenger

Die kanadische Regierung in Ottawa und die Inuit des Autonomen Territoriums Nunavut haben sich in wichtigen Teilen zur Einrichtung des grössten Meeresschutzgebietes von Kanada geeinigt. Das Gebiet soll im nordöstlichen Bereich der bekannten Nordwestpassage eingerichtet werden, wie offizielle Stellen am 4. Dezember 2019 verlauten liessen. Die Qikiqtani Inuit Association (QIA), die rund 14‘000 Inuit in der Baffin-Region von Nunavut vertritt und die Bundesregierung in Ottawa verkündeten, dass sie eine grundsätzliche Einigung getroffen haben, in der die wichtigsten Elemente der zukünftigen Inuit Einfluss- und Profitvereinbarung für das nationale Tallurutiup Imanga Meeresschutzgebiet aufgeführt sind. Die Einigung beinhaltet ein neues Zusammenarbeitsmodell zwischen Regierung und Inuitverwaltung und ein Inuit-Beratungsgremium für das Schutzgebiet, plus ein Kapitel zur Infrastruktur, erklärt der Präsident der QIA, P.J. Akeeagok bei einem Telefoninterview aus Grise Fjord, der nördlichsten Inuitgemeinde Kanadas. „Das ist ein sehr historischer Moment, ein Grundsatzabkommen für Tallurutiup Imanga zu erzielen“, erklärt Akeeagok weiter. „Denn das ganze Gebiet spielt eine wichtige Rolle für die Inuit hier.“ Der Sprecher der Schutzorganisation Oceans North, Chris Debicki, sagt, dass das Grunsatzabkommen eine „hohe Wasserkante“ für die kanadischen Naturschutzabkommen und einen neuen Ansatz für den Schutz empfindlicher Meeresregionen darstellt. „Das Abkommen stelllt die lokale Bevölkerung an erster Stelle“, sagt Debicki. „Es ist wirklich ein Anerkennen, dass diejenigen Menschen, die am besten für den Schutz dieses wundervollen Ökosystem geeignet sind, die sind, die schon seit Jahrhunderten hier gelebt haben.“

Tallurutiup Imanga bedeutet Lancaster Sound in Inuktitut und wird bei Beendigung der Verhandlungen das grösste kanadische Meeresschutzgebiet sein. Es beinhaltet auch eine von Shell geleaste Fläche zur Rohstoffgewinnung (rot) Der dunkle Teil war die von Parks Kanada vorgeschlagene Fläche, der helle Rand zeigt die nun durchgesetzte Fläche. Bild: Canadian Geographic
Tallurutiup Imanga bedeutet Lancaster Sound in Inuktitut und wird bei Beendigung der Verhandlungen das grösste kanadische Meeresschutzgebiet sein. Es beinhaltet auch eine von Shell geleaste Fläche zur Rohstoffgewinnung (rot) Der dunkle Teil war die von Parks Kanada vorgeschlagene Fläche, der helle Rand zeigt die nun durchgesetzte Fläche. Bild: Canadian Geographic

Das Schutzgebiet des Lancaster Sound, der in der Sprache der lokalen Bevölkerung „Tallurutiup Imanga heisst (Meeresgebiet von Talluruti, eine Frau mit tätowiertem Kinn), umfasst eine Grösse von rund 109‘000 Quadratkilometer und ist von enormer Wichtigkeit für die Inuit, die hier aufgrund der natürlichen Vielfalt überlebt haben und gewachsen sind, erklärt Akeeagok weiter. „Die Inuit hatten von Anfang an klar gemacht, dass sie durch die Bewirtschaftung dieses wichtigen Gewässers eine zentrale Rolle spielen wollen.“ Ein weiteres wichtiges Ziel der Inuitgemeinden war die Entwicklung der Infrastruktur. „Zuallererst handelt es sich natürlich um die marine Infrastruktur und ich meine, die Häfen für kleine Boote“, sagt Akeeagok. Denn alle fünf an das Schutzgebiet grenzenden Gemeinden sind Küstengemeinden, die sehr stark vom Meer in Bezug auf Nahrung und Transport abhängig sind. „Und zurzeit existiert hier praktische keinerlei Infrastruktur“, erklärt Akeeagok. „Das Abkommen würde den Gemeinden echte Selbstversorgungsmöglichkeiten mit den Ressourcen rundherum bieten“, sagt er weiter. „"Ich denke, wir sind uns alle der Ernährungsunsicherheit, mit der die Inuit konfrontiert sind, bewusst. Dies ist ein wesentliches Element, dass wir weiterhin wirklich versuchen, Gelegenheiten zum Teilen von Lebensmitteln zu schaffen."

Ein wesentlicher Bestandteil des Abkommens wird das Management der Tiere im Schutzgebiet sein. Den lokalen Inuit wird diese Aufgabe übertragen und sichert so gleichzeitig die Ernährung der Gemeinden. Bild: Michael Wenger
Ein wesentlicher Bestandteil des Abkommens wird das Management der Tiere im Schutzgebiet sein. Den lokalen Inuit wird diese Aufgabe übertragen und sichert so gleichzeitig die Ernährung der Gemeinden. Bild: Michael Wenger

Das Abkommen wird aber auch Arbeitsplätze schaffen. „In diesem besonderen Fall haben wir das Glück, dass wir bereits ein Pilotprogramm in Arctic Bay, Nunavut, geschaffen hatten. Dabei sind fünf Inuit angestellt worden, die Augen und Ohren auf Patrouille sind, Forschung betreiben und auch Traditionen weiterführen“, erklärt P.J. Akeeagok dazu. „Wir hoffen, dass wir das in den anderen vier Gemeinden wiederholen können.“ Zusätzlich haben die Regierung und die Inuit beschlossen, die Möglichkeiten von weiteren Schutzgebieten nördlich von Grise Fjord im hocharktischen Becken, in einer Region, die bei den Inuit als Tuvaijuittuq („Das Eis schmilzt nie“) bekannt ist einzurichten. Gemäss Akeeagok mussten die Inuit die Regierung in Ottawa aber beinahe fünf Jahrzehnte drängen, um das Gebiet im Lancaster Sound zu schützen. Im August 2017 wurden die Grenzen des Schutzgebietes in einer feierlichen Zeremonie in Pond Inlet bekanntgegeben. Beide Seiten hoffen, die Verhandlungen bis im April 2019 beendet zu haben.

Quelle: Radio Canada International